«Boules Foules» [2]
Valerian Maly
Der leere Raum
«I can take any empty space and call it a bare stage. A man walks across this empty space whilst someone else is watching him, and this is all that is needed for an act of theatre to be engaged.»
Peter Brook: «The Empty Space», Touchstone NY, 1968
Der «leere» – nicht vorbestimmte – Raum, wie es beispielsweise ein Theaterraum mit rotem Vorhang, Scheinwerfern, gar «vierter Wand» wäre; ein Tonstudio mit Akustikwänden und «High-Fidelity»- Lautsprechern; ein Tanzstudio mit Tanzboden und Ballettstangen; oder ein Atelier mit Staffeleien, stark nach Terpentin riechenden Lappen und Pigment-Gläsern… gar ein «White Space» oder «Black Box»… nichts davon ist Kern des bewusst «leer» gelassenen, möglichst nicht vordefinierten P e r f o r m a n c e S p a c e 3 6 9 im PROGR Zentrum für Kulturproduktion.
Hier, wo mutmasslich einst der Zeichensaal des Pro-Gymnasium (heute PROGR Zentrum für Kulturproduktion) war, mit seinen hohen, nach Nord-Ost ausgerichteten Fenstern – durch die ganztags ein möglichst ausgeglichenes Licht fällt; kein Schatten sollte auf das Blatt Papier fallen, schon gar nicht ein harter Lichtwechsel das gezeichnete, gemalte «unkontrolliert» dynamisch verändern – war jahrelang auch die Performanceklasse der HKB MA CAP und SOUND ARTS. Mag sein, dass davon und den Gastkünstler:innen noch etwas mitschwingt… [1]
Mit den «Boules Foules» [2] aber ist der Raum richtig vermessen: experimentell, nicht voraussehbar, die Cage’sche «Indeterminacy» [3] im Zentrum. [4]
Das «Experiment» leitet sich vom lateinischen Substantiv experīmentum («Versuch», «Probe», «Erfahrung», «Beweis») ab und ist verwandt mit dem Wort «periculum» – was nichts anderes meint, als dass die Gefahr und somit auch das Scheitern mit eingeschlossen ist: experīrī, etwas «versuchen», «erproben» oder «in Erfahrung bringen».
Hier also «werken» und wirken Performancekünstler:innen, Musiker:innen, interdisziplinär und intergenerationell; das «Lotterorchester» von Barbara Balba Weber ebenso wie die Performancekünstler:innen Valerian Maly und Klara Schilliger, und das von ihnen gegründete «GingerEnsemble». Auch können feinst ziselierte, Schubert’sche Kadenzen ebenso vernommen werden wie laute, in Mark und Bein gehende, richtig hässliche «Sägezahn»-Töne elektronischer Musik. Immer im «Spiel» – in lebhafter Bewegung, im pendelnden Wechsel von Spiel- und Standbein. [5]
«… Und was würde aus der Leere des Raumes? Oft genug erscheint sie nur als ein Mangel. Die Leere gilt dann als das Fehlen einer Ausfüllung von Hohl- und Zwischenräumen. Vermutlich ist jedoch die Leere gerade mit dem Eigentümlichen des Ortes verschwistert und darum kein Fehlen, sondern ein Hervorbringen. Wiederum kann uns die Sprache einen Wink geben. Im Zeitwort «leeren» spricht das «Lesen» im ursprünglichen Sinne des Versammelns, das im Ort waltet. Das Glas leeren heisst: es als das Fassende in sein Freigewordenes versammeln. Die aufgelesenen Früchte in einen Korb leeren heisst: ihnen diesen Ort bereiten. Die Leere ist nicht nichts. Sie ist auch kein Mangel. In der plastischen Verkörperung spielt die Leere in der Weise des suchend-entwerfenden Stiftens von Orten.»
Martin Heidegger: «Die Kunst und der Raum». Erker Verlag St. Gallen, 1969
[1] Mit Professoren Valerian Maly, Dorothea Schürch, Mélanie Gobet und mit Modulen von Gastkünstler:innen wie u.a. Chumpon Apisuk, Marilyn Arsem, Jelili Atiku, Bean, Maya Bösch, Barbara Büscher, Vlasta Delimar, Esther Ferrer, Va-Bene Elikem Fiatsi (crazinisT artisT), Florian Feigl, Jules Pelta Feldman, Nicolas Y Galeazzi, Mike Henz, Marie-Caroline Hominal, Tom Johnson, Sybille Krämer, Gerhard Johann Lischka, Alastair MacLennan, Boris Nieslony, Porte Rouge (Joa Iselin & Christoph Ranzenhofer), Seraina Renz, Richard Schechner, Elvira Santamaria-TorresElvira
[2] Erstmals entdeckte Valerian Maly die unsichtbaren Unebenheiten des Raumes in einem unglaublich sich entfaltenden Spiel von hunderten von Glasmurmeln anlässlich eines ersten «try out» der Performance «about time», 2022 von Mercedes Borgunska.
[3] «Indeterminacy» / Unbestimmtheit ist ein Kompositionsansatz, bei dem einige Aspekte eines Musikstücks dem Zufall oder der freien Wahl des Interpreten überlassen bleiben. John Cage, ein Pionier der Unbestimmtheit, definierte sie als «die Fähigkeit eines Stücks, auf wesentlich unterschiedliche Weise aufgeführt zu werden» wikipedia.org/wiki/Indeterminacy_(music)
[4] «Der Zufall als ein bedeutsames Movens für Entwicklung, Evolution und Innovation erfordert eine neue Wertschätzung. Raum und Zeit sind erforderlich, das Zufallende in einem Freiraum wahrzunehmen und es in Dialog treten zu lassen mit rationalem, zielgerichtetem, handlungsorientiertem Denken.» Aus: «Spiel Zufall Experiment, Willms Neuhaus Stiftung, Zufall und Gestaltung, Berlin 2024, willms-neuhaus-stiftung.de
[5] Sybille Krämer: Die Welt – ein Spiel? Über die Spielbewegung als Umkehrbarkeit (2005): Die Welt – ein Spiel.pdf